1st World Congress of Integrative Medicine & Health

10th European Congress for Integrative Medicine

12th International Conference for Complementary & Integrative Medicine Research

Themen: „The Future of Comprehensive Patient Care“

Vom 3. bis 5. Mai 2017 in Berlin

Der allererste Europäische Kongress für Integrative Medizin (ECIM) fand an zwei  regnerischen Tagen im November 2008 in Berlin statt und wurde vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie organisiert. Es war ein kleiner, feiner Treff von Forschern, Lehrern und praktizierenden Ärzte aus 25 europäischen Ländern. Das Programm war überschaubar mit kleinen Plenarsitzungen, höchstens 4 Parallelsitzungen und der Auswahl von 5 Workshops. In den 2 Tagen lernte man alle Vortragenden irgendwann persönlich kennen.

Nach zehn ECIM-Kongressen ist nicht er nur länger, sonder wirklich international, es ist jetzt ein Weltkongress geworden! Mit mehr als 800 Teilnehmern aus 60 Länder, 200 Vortragenden,  9 Parallelsitzungen und täglich einen neuen Tsunami von Posterpräsentationen verteilt über mehreren Salons. Dazu Prä-Kongress-Workshops, Meetings, Get-Togethers.

Der WCIM 2017 war ein hoch ambitionierter und exzellent organisierter Mega-Kongress, der alle Aspekte der Komplementärmedizin, von High-Tech-Forschung, klinisichen Studien, spannendem kritischen Denken bis zu den bildenden Künsten und der Rolle in der Medizin umfasste.

Den Ton für den Kongress setzte einer der Gründer des ESIMs (European Society for Integrative Medicine) und Initiator des ECIMs – Prof. Stephan Willich aus der Charité – mit einer Anekdote aus seiner Studentenzeit in der geteilte Stadt Berlin. Damals war es fast unmöglich sich frei mit Kommilitonen oder Kollegen in Ost-Berlin zu treffen und sich auszutauschen ohne den Verdacht der Sicherheitsbehörden in beiden Ländern zu wecken. Erfreulicherweise, fast 30 Jahre später kann man sich an diese gespannte, unnatürliche Lage kaum noch erinnern.

Prof. Willich fügte hinzu „die Medizinwelt war bis vor 30 Jahren wie die Stadt Berlin auch geteilt- es durfte keine Verbindung zwischen der Schulmedizin und der Komplementärmedizin stattfinden“. Aber bevor wir uns an der jetzigen gelockerten, mehr oder weniger integrierten Situation zu sehr freuen, erinnerte er das Publikum an die großen medizinischen Herausforderungen die uns noch als Kliniker und Forscher bevorstehen.

Andere Vortragende in den Plenarsitzungen haben dieses Thema aufgegriffen und das Publikum auf die internationalen Dimensionen dieser Herausforderungen aufmerksam gemacht. Unter den Vortragenden war einer herausragend: Merlin Willcox aus der Oxforder Nuffield Department for Primary Care Sciences der seit vielen Jahren traditionelle Heilmethoden in Subsahara-Afrika erforscht.  Willcox präsentierte ernüchternde Statistiken über die Müttersterblichkeit, Säuglingsterblichkeit, und der rasanten Zunahme von nicht-ansteckenden Erkrankungen in dieser Region.

Willcox sprach auch über die zunehmende Resistenz der Malaria-Plasmodien, nicht nur auf Pharmaka, aber auch auf die vielgelobte und untersuchte Artemisia annua Pflanze (2015 Nobelpreis für Medizin an Tu Youyou).  Mit Hilfe eines „reverse pharmacology“ Modells  hat Willcox die Wirkung der Pflanze Argemona mexicana auf Malaria untersucht. Er betrieb eine retrospective Treatment Outcome Studie um zu sehen wie ein traditioneller Heiler in Mali Extrakte von dieser Pflanze bei der Behandlung von Malaria verabreicht..

Weitere Highlights der Plenarsitzungen waren Beiträge von Prof. Wu Durong (Guangzhou Provincial Hospital of Chinese Medicine) und Prof. David Eisenberg (Harvard TH Chan School of Public Health).  Die Epidimiologin Wu Durong skizzierte die Geschichte der Integration der traditionellen chinesischen Medizin in das schulmedizininische System Chinas seit 1949 und als erfolgreiches Beispiel präsentierte sie Statistiken ihres Krankenhauses. Allein in einem TCM Krankenhaus in der Millionenstadt Guangzhou werden mehr als 20000 Patienten behandelt und 12 Tonnen chinesische Arzneimittel am Tag verabreicht. Zu der Frage der Akzeptanz der chinesischen Medizin im heutigen China zeigte sie Studien in welchen 90% der Stadt und Land Bevölkerung Chinas mindestens einmal in ihrem Leben mit chinesischer Medizin behandelt werden.

Einen späteren Keynote Speaker, Prof. David Eisenberg, einer der „Pioniere“ der Integration von TCM in die Schulmedizin in den 70er Jahren, lobte den Beitrag von Prof. Wu und freute sich über die „neue Generation“ von chinesischen Forschern die sie repräsentiere. Prof. Wu hat eine ausgezeichnete Ausbildung nicht nur in China aber auch in Kanada (McMaster University, Hamilton) und in Australien (Royal Melbourne Institute of Technology) bekommen und wurde außerordentlich erfolgreich als Forscherin und Beraterin für die Gesundheitsbehörden in allen drei Ländern. Ein Kollege neben mir flüsterte: „das ist doch die chinesische Claudia Witt“. (!)

Am nächsten Tag stellte Eisenberg sein jüngstes Projekt – die „Teaching Kitchens“  vor. Dieses Projekt begann vor zehn Jahren in USA als eine Kochschule für Patienten mit chronischen, meistens metabolischen, Erkrankung.. Die Idee war den Patienten das Kochen von schmackhaften, gesunden und preisgünstigen Mahlzeiten aus meistens Bio- Zutaten selber zu kochen- ein Novum im Land von teueren Convenience Foods. Seit der Gründung wurde das Spektrum erweitert um Ärzte und anderes Gesundheitspersonal zu schulen damit sie als Multiplikatoren in ihren Betriebstätten fungieren. Die Teaching Kitchens Bewegung versucht eine Bewusstsein für die eigene Gesundheit und Verantwortung für die Umwelt zu entwickeln.

Und es gab viele Preisverleihungen, meisten an junge ForscherInnen. Die Zahl an jungen Studentinnen und Kolleginnen, die vor allem aus den asiatischen Länder angereist waren, war beeindruckend. Die YPIH (Young People in Integrative Health Care) -eine Gruppe von deutschen Medizinstudenten und Assistenzärzte- hat mit Hilfe von Crowdfunding über 150 internationalen Studenten ermöglicht den Kongress zu besuchen. Es gab täglich Hands-On Workshops und einen Expertenforum in dem die jungen Menschen in den Dialog mit erfahreren Protagonisten der Integrativmedizin kommen konnten.

Der bedeutenste Preis, dotiert von der kanadischen Forscherin Prof. Marja Verhoef, ging an Prof. Klaus Linde von der TU München für seine CAM Studien der letzten 20 Jahre. Lindes Kongressbeitrag-  Evidence of effectiveness but not efficacy – why many complementary therapies are so hard to accept for biomedicine – gab Einblicke in dieses schwierigen Thema. Aber als Schlusswort zu seine Rede sagte Linde: die Akupunktur ist jetzt in der Lage und hat genügend Kraft über die Relevanz seiner eigenen Evidenz zu entscheiden („acupuncture now has enough power to decide on the relevance of its own evidence“).

Die SMS war einer der Sponsoren des Kongresses und war durch mehrere SMS Kollegen am Infostand und im Programm vertreten. Prof. Benno Brinkhaus (Charité) war vielseitig beschäftigt als Kongress Co-Chairman und Mitwirkender an vielen Symposien, Guided Poster Sessions und Meetings. Gleich am Anfang des Kongresses stellte Benno als Co-Autor das Berlin Agreement https://www.ecim-iccmr.org/2017/berlin-agreement/ vor, eine Praeambel für die Komplementärmedizin weltweit. Dieses Dokument wurde bereits von mehr als 20 professionellen Organisationen unterschrieben.

SMS Vize-Präsident Dr. Josef Hummelsberger hat einen Workshop zu Akupunktur in allergische Rhinitis und Asthma gestaltet und einige Guided Poster Sessions betreut. Ich nahm teil an einer gut besuchten und lebhaften Case Study Sitzung organisiert von Dr. Michael Teut (Charité) in dem fünf „Experten“ (anthroposophische Medizin, TCM, Homöopathie, Naturheilverfahren, Schulmedizin) einen Patient mit ADHS behandelten. Nach unseren Expertenmeinungen kam die „Lösung“ durch Teut, der keine von diesen Methoden nahm, und der Patient durch eine überraschende einmalige verbale Intervention von seinem Problem genial löste. Weitere SMS-Beitragende waren Steffi Geidies und Alexandra Jocham.

Der nächste Kongress findet 2018 in Ljubljana in Slovenien am statt und 2019 in Barcelona. Weitere Informationen werden demnächst bekannt http://www.european-society-integrative-medicine.org/ecim/

Author Velia Wortman

 

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