Leserbrief in der SZ
Leserbrief zu: Lehmann, Hanjo„West-östlicher Scharlatan“, SZ 186: S. 20 „Wissen“ vom 14.8.2010 und Kommentar von Werner Bartens „Behandlung mit Stich“.
Der Arzt, frühere Heilpraktiker und bekannte Romanschreiber Hanjo Lehmann hat in seiner historischen Recherche spannend einen möglichen Hochstapler des 19. Jahrhunderts, George Soulie, „enttarnt“. In der Auseinandersetzung mit China wäre das ein nun weiterer in der Reihe, der berühmteste Hochstapler und Geschichtenerfinder ist (vermutlich) Marco Polo.
Unbenommen, ob die Hypothesen des Herrn Lehmann stimmen – er bleibt viele Belege schuldig – so what?
Rezeptionsgeschichtlich für die Therapiemethode Akupunktur spielt Soulie in Deutschland keine Rolle. Historisch publizierte Andreas Cleyer 1624 das erste Werk Specimen Medicinae Sinensis zur Akupunktur in Deutschland, das theoretische Gebäude der TCM wurde erst durch die Arbeiten des Sinlogen Prof. Porkert 1974 hier verstanden und direkt aus dem Chinesischen übersetzt. Im Jahr 1984 wurde von Porkert und Hempen die „Systematische Akupunktur“ veröffentlicht, ebenfalls direkt aus dem Chinesischen übertragen. Die ursprünglichen Inhalte stammten letztlich aus der großen Summe der Aku-Moxa-Therapie (Zhenjiu dacheng, 1601). Von Stux und anderen waren in den 70ern schon andere, weniger tiefe Lehrwerke erschienen. Diese Inhalte wurden kritisch durch die ärztlichen Fachgesellschaften bewertet und umgesetzt. Die im Kursbuch der Bundesärztekammer enthaltenen Inhalte – die Herr Lehmann offensichtlich nicht kennt - sind sinnvoll, wissenschaftlich und klinisch relevant.
Entscheidend ist aber, dass Akupunktur als klinisch effiziente Methode von über 10.000 Ärzten in Deutschland ausgeübt wird, inzwischen die Akupunktur durch ein Vielzahl von Studien für viele Indikationen, weit über Schmerztherapie hinaus, wirksam belegt ist, zunehmend die Wirkmechanismen wissenschaftlich verstanden werden.
Hätte Werner Bartens die SZ gelesen, wüsste er, dass am 1.6.2010 im Teil „Wissen“ aus seriösen Fachzeitschriften diese Wirkmechanismen (Nozeptive und antinozeptive Effekte) dargestellt wurden.
Richtig ist, dass in den Modellvorhaben der Krankenkassen die komplexen Akupunkturkonzepte (viele Nadeln) den sham-Nadeln nicht überlegen waren. Nur – wurde hier die Spezifität der Akupunkturpunkte getestet oder vielmehr ein klinisches Setting? Für einige Indikationen wie Übelkeit ist aber die Spezifität eines Akupunkturpunktes bereits belegt.
Die sogenannte „TCM“ wird derzeit durch massive Forschungsanstrengungen in China, den USA und in geringem Umfang auch in Europa weiter evaluiert. Selbst das höchst angesehne New England Journal of Medicine empfiehlt aktuell Akupunktur bei Rückenschmerzen als Behandlungsalternative.
Seriös angewendet ist Akupunktur das Gegenteil von Scharlatanerie!
Wirklich bedenklich ist, dass meines Erachtens bei der Publikation des Artikels von Herrn Lehmann und auch des Kommentars von Bartens die journalistische Sorgfaltspflicht grob verletzt worden ist.
Dies ist von einer seriösen Zeitung wie der SZ eine große Enttäuschung - nur eine Richtigstellung, korrekte wissenschaftliche Wertung sowohl des wahren historischen Hintergrundes der Akupunktur als auch des wissenschaftliche Sachstandes kann diesen Anspruch wieder herstellen.
Dr. Josef Hummelsberger