SMS-Summerschool 2016 am Schliersee

Wie fängt man an? Mit dem ersten Schritt. Den Berg hinauf. Schritt für Schritt bergan durch den würzig duftenden Wald am Schliersee im schönsten Bayern. Bis die Bäume lichter werden und um die Ecke die liebevoll geschnitzten Giebel der Huberspitz Alm schauen. Der Blick öffnet sich auf das Tal und den See mit der kleinen Insel in der Mitte. Und ganz weit hinten die schneebedeckten Spitzen der Alpen… Nebelschwaden schweben hier morgens über See und Tannenkronen und die Sonne malt aus der Landschaft immer wieder ein Bild zum Seufzen, zum Festhalten wollen, zum einfach gucken und genießen.

An diesem traumhaften Ort verbringen wir, 19 (?) junge Medizinerinnen und Mediziner aus ganz Deutschland (dieses Jahr eine interessante Ballung aus dem Lübecker Raum) und fünf fantastische Dozenten und Ärzte, auf kleinem gemütlichem Raum vier Tage zusammen. Was wir in der Zeit machen? Theoretische Grundlagen der Chinesischen Medizin, nadeln, rote Rücken. Input von morgens bis abends. Klingt wie der absolute Semesterferienhorror? Es ist das Paradies! Wir essen und trinken zusammen, reden, lachen, hören Grundlegendes zu Funktionskreisen, zur Arzneimitteltherapie, zur Zungen- und Pulsdiagnostik, zur Anamneseerhebung; wir wandern, wir sonnen uns, wir akupunktieren einander gegenseitig, experimentieren; erforschen die Leitbahnen und wie sich Akupunkturpunkte anfühlen und aufspüren lassen; wir tanzen und hören Musik, wir lernen jonglieren; wir bereiten chinesischen Arzneitee selber zu, wir knabbern und schmecken die darin enthaltenen Kräuter und Wurzeln; wir lernen, Erkältungskrankheiten und Muskelschmerzen aus dem Rücken mit Guasha auszuleiten; wir entdecken die Moxibustion; wir sehen, wie Funktionskreise und Punkte zusammenhängen und welche Akupunkturpunkt-Kombinationen wir für die Therapie wählen können. Wir lernen die Zunge und Pulse unseres Nachbarn zu lesen. Wir saunieren zusammen, tunken ein in den Cold und den Hot Tub, wir führen inspirierende Gespräche. TCM Summer School 2016.

Die Tage beginnen um 07:30 Uhr mit Qi-Gong-Übungen durch Josef Hummelsberger oder mit einer halbstündigen buddhistischen Meditation per Video-Teaching von Mingyur Rinpoche. Den Rahmen zum stillen Sitzen schafft Michael Fuchs, Erlebnispädagoge, Teambildner, Sport-und Bewegungsexperte, Bogenschütze und noch vieles mehr, der zur großen Freude aller dieses Jahr wieder dabei ist. Wir beruhigen unseren Geist, hören unseren „Monkey Minds“ zu und tauschen uns am Schluss über unsere Meditationserfahrungen aus. Einige wandern vor den Morgenübungen hinunter zum See, um den Sonnenaufgang und das faszinierende Lichtspiel auf dem Wasser zu genießen und die Lungen beim Ab- und Aufstieg durchzupusten. Dann sorgen wir für Leib und Seele und nehmen nach dem Frühstück um 9 Uhr auf den gemütlichen Korbsesseln Platz. Jeden Tag stehen wir vor dem unlösbaren Problem, zu wem wir uns setzten. Josef Hummelsberger, Marc Scheuermann, Velia Wortmann, Anke Iptchiler und Michael Wullinger erzählen und lehren fantastisch und man verpasst immer etwas, wenn man sich nicht vierteilen kann. Diese Problematik besteht schon seit dem letzten Jahr. Da hat sich nicht viel getan. Es gibt zwei Unterrichtsmodule, vormittags und nachmittags. Vormittags können wir wählen zwischen Chinesische Medizin – Basics Diagnostik & Physiologie, Funktionskreis Lunge, Einführung in die Arzneitherapie, Chinesische Arzneitherapie bei Darmerkrankungen, Klinik-Kompakt: Behandlung Rückenschmerz, Behandlung Kopfschmerzen. Wissen schaffen, Synapsen verknüpfen, der Kopf arbeitet und raucht. Nach knapp 90 Minuten ruft Michael von draußen. Erfrischung für die Birne. Wir lernen jonglieren auf dem weichen Rasen in der Sonne. Wir vollführen Kunststücke mit Armen und Beinen, bei denen es sich anfühlt, als würden sich beide Gehirnhälften verknoten und dann überraschend entspannen. Wir schubsen einander aus dem Stand und lachen uns schlapp. Eine Runde Input noch und dann gibt es leckeres frisches Bio-Essen. Danach ist freie Zeit. Manche schlafen, andere wandern zu den nächstgelegenen Almen oder zum See und baden.

Am Nachmittag können wir neben nochmals neuem Input auch viel vom Morgenmodul praktisch anwenden. Da liegt sofort das Gefühl von experimentieren, erforschen und ausprobieren im Raum. Die Begeisterung und Freude sind greifbar; uns geht es so gut! Wir arbeiten in kleinen Gruppen zusammen und üben aneinander und an uns selbst. Das ist wichtig, damit wir wissen, wie sich Akupunkturnadeln, Guasha und Schröpfen anfühlen. Und wir können einander Feedback geben und herausfinden, wie wir besser stechen und streichen, um sowohl wirkungsvoll als auch angenehm für den Patienten zu arbeiten. So haben wir wieder die Qual der Wahl zwischen: Zungendiagnostik und Übungen, Akupunktur Basics 1- 3, Akupunktur Advanced (Punkte und Somatotopien am Rücken, Techniken), Workshop Balance Akupunktur, Besondere Behandlungstechniken: Guasha, Moxa, Schröpfen.

Das Wichtigste ist, die Akupunkturpunkte auf den Leitbahnen (über deren Verläufe wir am Morgen hörten) zu finden, die Stichtechnik zu verstehen und das Gefühl, „den Fisch an der Angel zu haben“ zu suchen und zu üben. An einem anderen Tag betrachten wir unsere Zungen von allen Seiten und lernen nach einem festen Schema, sie systematisch zu beschreiben und dann vorsichtig eine Diagnose abzugeben. Einen anderen Nachmittag steht die Pulsdiagnostik auf dem Programm. Am letzten Tag lernen wir Guasha und Moxibustion (Erwärmung von Akupunkturpunkten).

Die Summer School endet so ähnlich wie sie anfing. Mit einer Abschiedsrunde, in der wir uns nun schon kennen, Feedback geben und mit dem Abstieg ins Tal.

Die erste Summer School der SMS (Societas Medicinae Sinesis) im letzten Jahr war wie ein dröhnender Gong für mich. Klar und konsequent. Ich wusste: „Das ist es. Diese Medizin wollte ich immer schon. Das will ich machen. Diese Menschen. Mit denen will ich zusammen arbeiten.“ Vom klinischen Teil des Studiums war ich bisher sehr enttäuscht und frustriert gewesen. Da gab es keine beziehungsweise nicht ausreichend Antworten auf meine Fragen und auf die offenen Fragen, ungelösten Rätsel und immer wiederkehrenden Probleme des klinischen Alltags. Bis jetzt. Die Chinesische Medizin, diese Jahrtausend alte Heilkunst, beantwortet auf eine elegante sanfte und unglaublich intelligente Weise, diese Fragen und ergänzt unsere westliche Medizin (die sogenannte Schulmedizin). Und nicht nur das. Sie trägt eine ganze Lebensart in sich. Sie bringt uns bei, gesund zu BLEIBEN. Sie ist natürlich auch ein riesiger Berg aus Wissen, an welchen man sich als junger Student kaum herantraut. Unsere Dozenten von der SMS sind in der Lage, uns Stück für Stück mit viel Geduld, Spaß, ohne Druck und vor allem mit gnadenlos viel Begeisterung und Leidenschaft an diesen Berg heranzuführen.

Josef Hummelsberger war Cheforganisator der zwei ersten traumhaften Summer Schools. Diesen Job hat er für das nächste Jahr an Marc Scheuermann übergeben und ich weiß, ich schreibe für uns alle, indem ich sage: Wir freuen uns wahnsinnig auf 2017! DANKE allen für die unvergessliche inspirierende erholsame einfach superklasse Zeit!

Neele Nishkala Stuhr-Wulff Hamburg, 30.08.2016

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